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Eineinhalb Jahre nach Schließung der Geburtsstation auf Sylt

23. Juli 2015

Wir haben Juli. Für die Insel bedeutet das Hochsaison mit vielen Gästen. 2014 waren es inselweit 868.564. Wenn ich so durch die Friedrichstrasse schlendere, dann fällt mir auf, wie viele Frauen dort schwanger von Schaufenster zu Schaufenster gehen oder sich fröhlich mit ihren Männern unterhalten. Eigentlich ist das etwas schönes. Als ich selber schwanger war, sind mir plötzlich die vielen Frauen aufgefallen, die ebenfalls wie ich ein neues Leben in sich trugen und das auch stolz präsentierten. Wenn mir die Frauen jetzt auffallen, dann habe ich nur einen Gedanken im Kopf: “ Ob denen bewusst ist, dass Sylt keine Geburtsstation mehr hat? Und das, wenn es Komplikation gibt, sie immer von der Insel in die nächste größere Klinik müssen?“

In letzter Zeit wurden einige Mütter im Bekanntenkreis Eltern. Für manche war es das erste Kind. Wo man früher die Frage stellte, ob alles gut gelaufen ist, alle fröhlich und gesund sind, steht heute die Frage im Vordergrund, ob man es noch rechtzeitig aufs Festland geschafft hat und wie man dort hin kam. Von drei mir bekannten Müttern in den letzten 2 Monaten sind alle drei mit dem Hubschrauber ausgeflogen worden.

In unserer Inselklinik liegt ein Prospekt aus. Dort, wo man auch solche für bestimmte Therapieempfehlungen und andere Dinge findet. Er fiel mir ins Auge, als ich das letzte mal am Wochenende zum Notdienst musste und ich dort im Wartevorraum sass. Schwangeren wird empfohlen die Insel 14 Tage vor dem Entbindungstermin zu verlassen….heisst es dort. Und was macht man, wenn man das nicht umsetzen kann? Oder wenn das Baby sich nicht an den Plan, an den Geburtstermin hält und schon eher die Welt entdecken möchte? Bisher ist es so, dass nur eine der Hebammen, Cornelia Bäcker, eine Art Zufallsbereitschaft anbietet, die ihr nicht vergütet wird. Heißt: Wenn das Sylter DRK zu einer Frau in den Wehen gerufen wird, versucht man Conny zu erreichen. Die Schwangere hat also ein 50% Chance, dass ihr eine Hebamme zur Seite steht. Nicht, dass man sich in der ganzen Schwangerschaft vorher schon Gedanken macht, wie man für sich und das ungeborene Baby die beste Entscheidung trifft, nein, man muss dann im Fall der Fälle auch noch hoffen, das einem eine Fachkraft zur Seite steht, die das ganze auch noch auf freiwilliger Basis macht.

2014 war das DRK auf Sylt 12 mal im Schwangeren-Einsatz: Vier Frauen wurden direkt zum Rettungshubschrauber gebracht, drei im Zug auf dem Weg zum Festland begleitet, drei im Krankenwagen auf dem Autozug über den Damm gefahren und zwei in die Nordseeklinik gefahren. (Quelle: SHZ)

Ich glaube, dass vielleicht gar nicht mehr so viele Frauen mit dem Rettungshubschrauber ausgeflogen werden müssen, wenn es eine Rundum-Bereitschaft gibt“, meint Cornelia Bäcker zur SHZ in einem Interview.

Für diesen 24 Stundendienst müssten aber alle drei Hebammen auf der Insel mitmachen. Für 100€ Aufwandsentschädigung! Dass das nicht so leicht umzusetzen ist, erklärt ihre Kollegin Anke Bertram: Für die Begleitdienste, die mit so einer Rufbereitschaft verbunden sind, müsste sie ihre Versicherung deutlich aufstocken – und mehrere tausend Euro mehr zahlen als bisher. Im Gegensatz zu Conny Bäcker, deren Versicherung vom Kreis übernommen werde, würde sich so ein Bereitschaftsdienst für sie deshalb nur schwer rentieren. (Quelle:SHZ). Also ist die Inselpolitik mal wieder gefragt.

Eins steht fest, so wie es jetzt, eineinhalb Jahre nach der Schließung der Geburtsstation ist, kann und darf es nicht weiter gehen!

Man hat auch das Gefühl, das solange nicht wirklich etwas schlimmeres passiert ( und das ist aktuell, Gott sei dank auch nicht der Fall gewesen ), lässt man alles so weiter laufen, wie es bisher ist. Auch wenn die Klinik damit offensichtlich Kosten spart, die Krankenkassen tuen es nicht.

Selber Schuld wenn man auf einer Insel wohnt!

Den Satz habe ich schon häufiger gehört oder gelesen. Und auch, dass man sich doch bitte nicht auf Sylt so anstellen solle, Geld genug habe man doch, wenn man da schon lebe.

Das hier ganz normale Menschen leben und arbeiten, das vergessen viele. Das viele Geld haben oft die, die hier Urlaub machen und einen Zweitwohnsitz besitzen.

Deshalb finde ich es so wichtig, dass man mal über den Tellerrand schaut und sich einfach der unbefriedigenden Situation bewusst wird. Egal ob man hier wohnt oder als Urlauberin zu Gast ist. Eine Lösung ist das auf gar keinen Fall.

So wie es für andere Länder Warnungen gibt, was man bei der Einreise beachten sollte, so sollte es dies auch für Sylt geben. Bei jeder Buchung sollte ein Prospekt zur Aufklärung bei den Unterlagen mitgeschickt werden. Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass es vielen gar nicht bewusst ist, das hier keine Geburtsstation mehr existiert. Dass in der Klinik selber auch nur ein Frauenarzt hinzugerufen wird und es sofort aufs Festland geht, wenn die Situation kritisch wird. Ein Notfallplan greift, der nicht wirklich befriedigend ist.

Wir können wirklich nur hoffen, dass bald eine Lösung gefunden wird. Solange muss man aber leider über die aktuelle Situation aufklären, es publik machen und einfach weiterkämpfen.

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From → Alltag

3 Kommentare
  1. Hallo Nadine. Was das alles kostet, Hubschrauber, Rettungswagen, 2 Wochen Hotel und das ganze wieder retour. Da wäre ne nette kleine Geburtsstation sicher effizienter. Warum passieren nur solche wahnwitzigen Dingen? Und die Gesellschaft schaut zu… viele grüße aus Berlin

    • Sonnenscheinbaby permalink

      Für uns ist das hier auch unbegreiflich. Vor allem weil das Land Schleswig Holstein auch nur dabei zusieht und der Klinik das Ok gab trotz Versorgungsauftrag. Viele Grüße, Nady

  2. naliin permalink

    oha wie toll 🙂

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