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Routine

3. April 2014

Bei der Überschrift wird man bestimmt bei einer frisch gebackenen Zweifachmutter denken, sie wird nun über ihren Alltag mit ihren beiden Kindern schreiben und wie der schon zur Routine geworden ist. Tatsächlich möchte ich aber über die Routine in unserer medizinischen Versorgung schreiben.

Fehlende Routine“, das war einer der Argumente, warum unsere Geburtsstation hier auf der Insel geschlossen wurde. Das ist eins der Argumente warum noch mehr Geburtsstationen in ganz Deutschland geschlossen werden sollen die nur Level 3 oder 4 entsprechen. Doch nach meiner jetzigen Erfahrung frage ich mich ob weniger Geburten im Jahr auch gleichzeitig fehlende Routine bedeuten? Als mein Sohn im Jahr 2011 hier auf der Insel auf die Welt geholt wurde, habe ich durch die wenigen Geburten (sagen wir es jetzt einfach mal so) es erlebt, das alles sehr familiär ablief. MEINE Hebamme war für mich und das Kind da, MEIN Arzt, der mich die ganze Schwangerschaft begleitet hatte, kam einmal am Tag vorbei und schaute sich die Kaiserschnittnarbe an. Nach einer Woche im Krankenhaus musste ich ihn regelrecht anflehen mich nach Hause gehen zu lassen, was er dann auch nur zuliess, weil meine Mutter zur Unterstützung da war. 

Dieses Mal lief alles anders ab. Ich sah dem ganzen positiv entgegen, in einem großen routinierten Krankenhaus einen weiteren, notwendigen Kaiserschnitt zu bekommen. Wenn ein Arzt das so oft macht, dann wird das alles bestimmt besser laufen, als beim ersten Mal ( im Nachhinein kommt mir mein Gejammer wegen dem ersten KS echt lächerlich vor). Im Vorfeld kam ich mir auch super betreut vor. Alle sprachen einem gut zu und man hatte wirklich das Gefühl gut aufgehoben zu sein. Ein Tag vor dem besagten Termin ging ich noch mal in den Kreissaal um nachzufragen, wann ich denn dran sein würde. Schliesslich musste mein Mann unseren Sohn noch zum Krankenhauskindergarten bringen und wenn ich erst später dran bin, dann muss er ja nicht mit mir schon um 5Uhr aufstehen. Mir wurde gesagt ich sei die 2. OP und es würde reichen wenn mein Mann um 8:30Uhr dann da sei. Am Tag der OP wurde mir dann gesagt, ich sei die Erste! Verflucht dachte ich, nahm mein Handy und informierte meinen Mann. Wofür frage ich denn einen Tag vorher nach, dachte ich mir. Tjoa, die 2 Hebammen/Schwestern haben sich mal eben im OP-Plan verguckt. Aber es ging alles gut, mein Mann war noch rechtzeitig da und es ging in den OP. Wahnsinn, so viele Leute in so einem kleinen Raum aber ohne Zweifel alle sehr nett und mir wurde jede einzelne Tat an mir erklärt. Ein Kaiserschnitt im wachen Zustand ist nicht einfach. Du hörst wie diverses Werkzeug verlangt wird, dein Blutdruck alle paar Minuten überprüft wird, jedes einzelne Wort der Ärzte und Schwestern. Auch wie an deinem Körper rumgeruckelt wird und wenn das Kind aus deinem Leib gedrückt wird bekommst du mit. Aber auch den ersten Schrei deines Kindes hörst du klar und deutlich und wie es dir anschliessend kurz auf die Brust gelegt wird um gesagt zu bekommen, dass du nun eine gesunde Tochter hast. Ja, ich musste in diesem Moment weinen.

Nach 2 Stunden im Kreissaal wurde ich endlich aufs Zimmer gebracht. Wo ich bei der ersten Geburt noch ein Einzelzimmer hatte, war ich nun in einem Zweibettzimmer. Ich hatte eine wirklich nette Nachbarin, die ihr erstes Kind erwartete und eingeleitet wurde. Wir beide halfen uns die ersten Tage- gegen Langeweile und Unsicherheit.

Ein großes Krankenhaus hat sicher seine Vor- aber gewiss auch seine Nachteile.  Das eine waren die zahlreichen Schwestern die 4 Mal am Tag wechselten. Jede hatte eine andere Meinung. Wollten sie mich zum Thema Stillen belehren und zitierten mich sogar fürs nächtliche Stillen ins Stillzimmer, machten sie meine Zimmernachbarin total verrückt wegen der Temperatur des Kindes. Während ich mir dachte, ich mache es so, wie beim ersten Mal und wie ICH das für richtig halte, liess sich meine Bettnachbarin sichtlich verunsichern, musste sogar weinen. Alles total verständlich wenn man nicht weiss, was man machen soll und eine Schwester ankündigt, dass das Baby vielleicht auf die Kinderstation verlegt werden muss. Ich redete ihr gut zu, sagte wenn erst einmal eine Hürde geschafft sei (die Körpertemperatur), dann würden auch die nächsten zu schaffen sein ( Stillen und volle Windeln). Und so war es dann auch. Auch im Stillzimmer traf man immer wieder auf verunsicherte und weinende Mütter. Ich fand das echt erschreckend. Denn auch ich sollte ja meine Tochter „zwingen“ 20-30 Minuten an einer Brust zu trinken. Ich sollte ihr mit Druck die Füsse massieren damit ich sie wach halten würde. Das ganze habe ich genau ein einziges Mal gemacht. Meine Tochter trinkt mit einem gewaltigen Sog. Sprich, sie ist an einer Brust nach 10 Minuten fertig! Die Brust ist fühlbar leer, das Kind nimmt zu also warum soll ich sie zwingen länger daran zu trinken. Warum ich das ganze nur einmal gemacht habe? Weil sie fürchterlich weinte, wenn ich den Tipp mit den Füßen befolgte und sie mir die Milch, die zu viel im Bauch war, im hohen Bogen um die Ohren spuckte!

Zur besagten Routine in dem Krankenhaus gehörte auch das tägliche Messen des Blutdrucks, Puls und der Körpertemperatur genauso die Frage, wie die Schmerzen auf einer Skala von 1-10 sind. Ohne Schmerzmittel lagen meine immer bei einer guten 5-7. Wo ich nach dem ersten KS nach 2 Tagen ohne Schmerzmittel auskam, war hier daran gar nicht zu denken. Immer wieder wies ich die Schwester darauf hin, dass ich Gliederschmerzen hätte. Am 3. Tag im KH wurde ich das erste mal von der Assistenzärztin gefragt, ob ich nach Hause möchte. Das ich noch nicht wollte wurde akzeptiert und die Assistenzärztin sagte, das meine Gliederschmerzen von den alten Krankenhausbetten und des einseitigen liegen im Bett kommen würde. Ja, man glaubt das erst einmal, denn die Betten waren wirklich nicht die bequemsten. Am 4. Tag nach der OP ging man schon wie selbstverständlich davon aus, dass ich nun nach Hause gehe. Ich fühlte mich aber wirklich nicht danach und wollte die Zeit im KH noch ausnutzen, rund um die Uhr Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Länger als 5 Tage können sie eh nicht bleiben!“ war dann die Anmerkung der Krankenschwester, die ich bis zu dem Zeitpunkt eigentlich sehr mochte. Aber gut, gegen Vorschriften kann ja auch sie nichts machen. Am Tag der Entlassung hatte ich wieder echt starke Schmerzen. Es schaute „nur noch“ eine Krankenschwester auf die Narbe, die diese für in Ordnung befand. Gut, dachte ich, es ist ja auch eine große OP, da hat man noch Schmerzen. Meinem Mann viel meine Laune direkt auf und ich klärte ihn nur kurz auf, dass ich Höllenschmerzen hätte und ich erst einmal eine Apotheke aufsuchen müsse, sonst würde ich die Fahrt nicht überstehen. Die Umstandsjeans drückte sehr auf die Naht, was noch unangenehmer war. 

Die erste Nacht war ebenfalls die Hölle. Nicht wegen meiner Tochter, sondern weil ich nicht wusste wie ich liegen sollte. Ich stand auf, weil ich mir eine weitere Schmerztablette nehmen wollte und erschrak erst einmal. Da war ein riesengroßer Wundwasser/Blutfleck auf meiner Hose. In nächtlicher Müdigkeit und leichter Panik schaute ich mir das ganze erst einmal im Spiegel an. Es lief wie ein Wasserfall aus der Naht und ich verband mir die Wunde erst einmal mit dem was ich hatte. Im Krankenhaus sagten sie mir auch, dass ich dort ein großes Hämatom hätte. Über dieses und was in der Nacht passiert ist informierte ich meine Hebamme am nächsten Tag per WhatsApp, denn sie war gerade aktuell im Urlaub. Sollte Fieber auftreten, die Wunde extrem heiss sein oder Eiter dazu kommen, sollte ich sofort in die Gynäkologenpraxis. Alle 3 Symptome waren erst einmal nicht der Fall und so verband ich mir täglich die Stelle selber. 8 Tage nach der OP sah ich mich das erste mal in der Lage den Tag ohne Schmerzmittel zu überstehen. Vorweg muss ich erwähnen, dass das Ibuprofen, welches ich genommen habe nicht nur schmerzstillend ist sondern auch fiebersenkend. Genau wie die Schmerzmittel im Krankenhaus.

Prompt bekam ich zu Nachmittag hin wieder Gliederschmerzen, die von Stunde zu Stunde schlimmer wurden, und Schüttelfrost. Irgendwann hab ich dann man die Körpertemperatur gemessen die dann schon bei über 38 lag. Ich rief in der Frauenarztpraxis an und natürlich typisch für mich, war keiner der Ärzte da. Die Sprechstundenhilfe wollte versuchen den Arzt zu erreichen, sollte sie sich aber nicht melden, sollte ich in die Notaufnahme. Toll, dachte ich, wer soll mir denn bitteschön da helfen? Da kein Anruf kam, schrieb ich meinem Mann der mich und die Kinder dann abholte. Im Krankenhaus angekommen wurde mir erst einmal Blut abgenommen und ein Abstrich vom Sekret gemacht. Das Gesicht der Chirurgin verriet mir nichts gutes. Auf dem Ultraschall konnte man sehen dass ich mehrere Flüssigkeitsherde unter der Haut bei der Narbe hatte, wovon eins sich schon einen eigene Weg nach draussen gesucht hat. Dann kam endlich mein Frauenarzt in die Klinik. Er hatte Gott sei dank Rufbereitschaft. Das ende vom Lied war, ich hatte 2 Drainagen gelegt bekommen und muss seit dem jeden Tag zum Arzt zur Kontrolle. Auch 3 Wochen nach dem Kaiserschnitt ist es immer noch nicht wirklich toll. Es ist besser aber ich habe immer noch eine Drainage drin. Es heilt alles nicht wirklich wie es soll. Immerhin muss ich seit Montag nur noch alle 2 Tage zum Arzt.

Und nun frage ich mich, rückblickend auf den ganzen Krankenhausaufenthalt, warum mich nach der OP kein „richtiger“ Arzt mehr angeschaut hat. Selbst bei der Entlassung, hat statt der Hebamme, weil die nicht da war, eine Schwester drauf geschaut. Bei so vielen belegten Betten ist mir schon klar, dass man da als Patient Einbußen machen muss. Kosten müssen gespart werden, deshalb werden Patientinnen statt wie früher 7-10 Tage nach einem Kaiserschnitt schon nach 5 Tagen entlassen. Aber warum hört man nicht zu, wenn der Patient sagt, dass es diesem nicht gut geht. Vor allem wenn man laut Akte sieht, dass der schon mal einen Kaiserschnitt hatte. Klar, war ich schneller auf den Beinen. Ich musste ja am selben Tag der OP noch aufstehen um in Begleitung ins Bad zu gehen. Aber die Tatsache dass ich so lange Schmerzmittel brauchte, hätte mich noch hellhöriger machen sollen. Nur ein großes Hämatom und die Betten liessen einen das erst einmal glauben. Wenn aber mir als Leihen schon auffällt, dass das alles nicht so normal aussieht, warum fällt das dann keinem geschulten Personal auf? Zeitmangel? Personalmangel? 

Ich weiss es nicht. Aber es hat mich zu der Erkenntnis kommen lassen, das Routine vielleicht nicht immer das Beste ist!

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From → Alltag

One Comment
  1. Ach du Scheiße. Das hätte ja auch noch übler enden können. Das tut mir so leid! Ich drücke dich ganz feste! Aber natürlich nicht in Höhe des Bauches. 😉

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